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Neue Heimstätte für „Sovetish Heymland“

  • vor 21 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Auf einem Leipziger Dachboden tauchen alte Exemplare der jiddischsprachigen Literatur- und Kulturzeitschrift der Sowjetunion auf. Mit ihnen kehren besondere Geschichten zurück - auch nach Deutschland.


„Sovetish Heymland“-Hefte als Präsent für das Leipziger Ariowitsch-Haus (von links nach rechts): Kunstmaler Efim Kerzhner, der Direktor des Ariowitsch-Hauses, Küf Kaufmann, Schenkender Bernd Weinkauf sowie Jakow Kerzhner, Kunstmaler und Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig.
„Sovetish Heymland“-Hefte als Präsent für das Leipziger Ariowitsch-Haus (von links nach rechts): Kunstmaler Efim Kerzhner, der Direktor des Ariowitsch-Hauses, Küf Kaufmann, Schenkender Bernd Weinkauf sowie Jakow Kerzhner, Kunstmaler und Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig.

1986 Leipzig. Der studierte Germanist Bernd Weinkauf bekommt in jenem Jahr Monat für Monat ein besonderes Heft in seinen Briefkasten. „Sovetish Heymland“ steht auf dem Titel in hebräischen Buchstaben, auf der Rückseite auf Russisch „Sowjetskaja Rodina“. Damit hält der Leipziger regelmäßig die einzige jiddischsprachige Literatur- und Kulturzeitschrift der Sowjetunion in der Hand. Nach der stalinistischen Verfolgung jüdischer Künstler und Intellektueller sollte „Sovetish Heymland“ als kulturpolitischer Beleg dienen, dass jüdische Identität in der Sowjetunion doch anerkannt und gefördert werde.


All das ist Bernd Weinkauf wahrscheinlich gar nicht bewusst, als er 1985 durch die Leipziger Buchmesse schlendert und an einem Stand auf „Sovetish Heymland“ stößt. In der Hoffnung, darin jüdische Gedichte und Witze lesen zu können, abonniert er das Heft. Und tatsächlich: 1986 liefert ihm die Post zwölf Ausgaben samt Zusatzheften nach Hause. Erst dann merkt er, dass die Texte ausnahmslos mit hebräischen Buchstaben gedruckt sind - so bleiben die Inhalte für ihn unerreichbar.


1.500 Kilometer weiter östlich: Auch in Melitopol, heute im russisch besetzten Teil der Ukraine, wird „Sovetish Heymland“ Monat für Monat aus dem Briefkasten gefischt. In den 1960er-Jahren lebt dort Küf Kaufmann, heute Direktor des Leipziger Kultur- und Begegnungszentrums Ariowitsch-Haus, als Teenager. „Ich war fasziniert“, erzählt er, „denn Papa konnte diese Schrift lesen. In seiner Zeit hat man bereits als Kleinkind im Cheder angefangen, Hebräisch zu lernen.“ Das ist der Schlüssel zum Lesen von Jiddisch. Damals sei „Sovetish Heymland“ selbst im Betrieb seines Vaters gelesen worden - allerdings nur heimlich. Heute hält Kaufmann eines der zwölf Hefte in der Hand, die Weinkauf ins Ariowitsch-Haus mitgebracht hat. Neben ihm stehen Jakow Kerzhner, Geschäftsführer der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig, und sein Vater Efim Kerzhner, beide Kunstmaler und ebenfalls in der Ukraine geboren. Die beiden hüten ein Exemplar von „Sovetish Heymland“ als Familienschatz. In der Ausgabe geht es um Jakow Kerzhners Großvater Alexander (1912-1981), der ebenso wie Efim und Jakow Kunstmaler war.


Jakow Kerzhner und Efim Kerzhner mit der Ausgabe von Sovetish Heymland, in der das Bild von Großvater Alexander Kerzhner abgedruckt ist. Es ist dem Schriftsteller Scholem Alejchem gewidmet.
Jakow Kerzhner und Efim Kerzhner mit der Ausgabe von Sovetish Heymland, in der das Bild von Großvater Alexander Kerzhner abgedruckt ist. Es ist dem Schriftsteller Scholem Alejchem gewidmet.

Er wird mit darin einem Text vorgestellt, seine Diplomarbeit aus dem Jahr 1948 abgedruckt. Das Bild zeigt den Schriftsteller Scholem Alejchem bei Tagesanbruch, wie er in seinem Zimmer am offenen Fenster steht und auf das Schtetl schaut, wo seine Figuren zu Hause sind. Das Gemälde wirkt dabei wie ein Ausdruck der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben nach dem Holocaust, sagt Jakow Kerzhner. Laut Familienanekdote musste dieses Bild nach bestandener Prüfung nach Hause geschmuggelt werden, sonst hätte es der nächste Prüfling - bedingt durch Materialknappheit - für sein Examen übermalt. Heute gehört das gerettete Gemälde zum Bestand des Scholem-Alejchem-Museums in der Ukraine.


„Jaor“ nannte Alexander Kerzhner sein Bild, was Jiddisch Tagesanbruch bedeutet. Der Schriftsteller Scholem Alejchem schaut auf das Schtetl, in dem seine Figuren zu Hause sind.
„Jaor“ nannte Alexander Kerzhner sein Bild, was Jiddisch Tagesanbruch bedeutet. Der Schriftsteller Scholem Alejchem schaut auf das Schtetl, in dem seine Figuren zu Hause sind.

Während das Heft von 1968 mit Alexander Kerzhner Familienbesitz bleiben wird, findet nun der komplette Jahrgang 1986 im Ariowitsch-Haus eine neue Heimstätte. Bernd Weinkauf wollte zwar die hebräischen Buchstaben lernen, aber das kam ihm am Ende zu kompliziert vor - und lernte schließlich Japanisch. In diesem Jahr tauchten die Exemplare beim Aufräumen des Dachbodens auf und Weinkauf wollte, dass sie in gute Hände kommen. Das Ariowitsch-Haus nahm das Angebot dankbar an.


Wie viele von den Heften noch existieren, weiß niemand. Die jiddische Zeitschrift erschien von 1961 bis 1991 zu Spitzenzeiten in 25.000 Exemplaren. Die Sowjetunion und mit ihr die Zensur und die ideologischen Vorgaben jener Zeit ist untergegangen. Trotzdem hat „Sovetish Heymland“ geholfen, jüdische Identität und Kultur zu bewahren - bis heute.


“Sovetish Heymland“, 1. Ausgabe im Jahr 1986, Erschienen ist die einzige jiddischsprachige Zeitschrift der Sowjetunion von 1961 bis 1991.
“Sovetish Heymland“, 1. Ausgabe im Jahr 1986, Erschienen ist die einzige jiddischsprachige Zeitschrift der Sowjetunion von 1961 bis 1991.

 
 
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