Jüdische Biografien - einst in der Messestadt
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Wie lebten Jüdinnen und Jüden in Sachsen im 19. Jahrhundert? Gerade diese Zeit ist ist aus jüdischer Perspektive wenig erforscht. So füllt der neue Band „Das Vaterland, wie fesselt es uns… Jüdisches Leben im Königreich Sachsen (1806 bis 1871)“ eine Lücke. Er enthält 119 einzelne Biografien, kuratiert unter dem Dach des Institutes für Sächsische Geschichte und Volkskunde an der TU Dresden, herausgegeben von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Ende April wurde die Publikation im Ariowitsch-Haus vorgestellt.
Wie wichtig Leipzig damals fürs jüdische Leben war, zeigt schon allein der Fakt, dass rund die Hälfte der im Buch enthaltenen Biografien aus der Messestadt stammen, etwa die der Messmakler Jacob und Marcus Harmelin oder zu Abraham und Caroline Marcus, die eine koschere Speisewirtschaft betrieben, wie der Mitherausgeber und Historiker Daniel Ristau in seinem Vortrag sagte. Präsentiert wurde der Abend vom Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und dem Ariowitsch-Haus.

Die Biografien zeugen von den tiefgreifenden Veränderungen in jener Zeit, es geht um Assimilation und Emanzipation, aber auch um Verbürgerlichung und Reformen bei Kultus und Bildung. Zugleich ist es ein aber sehr aktuelles Buch, behandelt es doch ebenso Fragen wie Identität, Zugehörigkeit und Teilhabe. Der Beauftragte der sächsischen Staatsregierung für das jüdische Leben, Thomas Feist, sieht in den Forschungsergebnissen einen Beleg mehr dafür, dass „jüdische Geschichte wesentlicher Bestandteil der sächsischen Geschichte ist“. Er erinnerte bei einem Podiumsgespräch mit Professor Joachim Schneider, Bereichsleiter am Institut für Sächsische Geschichte und Voklskunde, und mit dem Autor Lucas Böhme zugleich an den jüdischen Beitrag zur Industrialisierung und Modernisierung Sachsens im 19. Jahrhundert. Der damalige Zusammenhalt und Fortschrittsglaube sei jedoch ein Stück weit verloren gegangen.
Ein Auftritt des Leipziger Synagogalchors mit seinem künstlerischen Leiter Philipp Goldmann zur Buchpräsentation verlieh dem Abend eine festliche Atmosphäre mit zwei Stücken von Salomon Jadassohn - der Komponist und Pianist ist in dem Band ebenfalls porträtiert.