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Roman Knižka: „Es ist mir wichtig, zu mahnen“

  • szabo60
  • vor 7 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Der Schauspieler Roman Knižka über extremistisches Gedankengut und das Programm „Ich hatte ein schönes Vaterland“, mit dem er am 1. Februar 2026 in Leipzig gastiert


Schauspieler Roman Knižka. „Ich empfinde eine Mischung aus Bewunderung und Traurigkeit.“
Schauspieler Roman Knižka. „Ich empfinde eine Mischung aus Bewunderung und Traurigkeit.“

„Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ – der Titel erzählt viel über das Programm, das Texte jüdischer Autoren von Heinrich Heine bis Victor Klemperer und von Ludwig Börne bis Mascha Kaléko aufgreift. Was ist Ihr persönlicher Zugang zu diesen Texten, Herr Knižka?

Seit jeher beschäftige ich mich mit Sprache und Stimme als Ausdrucksmittel der Schauspielerei. Wenn ich über die Schicksale dieser Autoren nachdenke, empfinde ich eine Mischung aus Bewunderung und Traurigkeit: brillante jüdische Intellektuelle, deren Leben von Ausgrenzung, Flucht und Brüchen geprägt war – und die uns Worte hinterlassen haben, die bis heute nachhallen. Heine steht für mich besonders für die Zerrissenheit zwischen Herkunft und Heimat. Auch mein Vater suchte als Tänzer in einem anderen Land ein besseres Leben und kam aus der Tschechoslowakei in die DDR. Und fernab eines direkten Vergleichs: Auch mir selbst wurde ein Schauspielstudium in Leipzig von der Stasi verwehrt, weil meine Familie nicht systemkonform galt. Victor Klemperer beeindruckt mich durch seine Genauigkeit und seinen Mut; seine Tagebücher sind stille Heldentaten des Erinnerns. Mascha Kalékos zarte, kluge Poesie erzählt von Emigration, Verlust und der Sehnsucht nach einem Ort in der Welt. Diese Lebenswege zeigen mir, wie verletzlich Kultur und Identität sind – und wie stark das Wort  als Form des Widerstands sein kann. Sie mahnen uns, Freiheit, Erinnerung und Menschlichkeit zu verteidigen.


Das Programm ist nicht nur eine Lesung, sondern auch ein Kammerkonzert. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Bläserquintett OPUS 45? Und wer hat die Auswahl der Texte getroffen?

Der Beginn unserer Zusammenarbeit war tatsächlich ein bisschen kurios. Die Musiker hatten mich als Sprecher für „Peter und der Wolf“ in Berlin angefragt. Wir wollten das weltberühmte Kinderstück dort für einige Konzerte aufführen – und das lief sehr gut. Es folgten weitere Kinderprogramme, doch wir merkten schnell: Da steckt noch mehr Potenzial.

Schon bald wagten wir uns an Celans „Todesfuge“ und das Bläserquintett op. 10 von Pavel Haas, verknüpften Text und Musik miteinander – und spürten sofort, dass hier etwas Besonderes entsteht. Gemeinsam mit Kathrin Liebhäuser, einer hervorragenden Dramaturgin, die praktischerweise auch die Schwester zweier OPUS-45-Musiker ist, nahm das Projekt dann seinen Lauf. Inzwischen spielen wir unser achtes Programm und arbeiten bereits am neunten. Ein schönes Zeichen war für uns, dass wir für dieses achte Programm soeben vom Auschwitz-Komitee mit dem Hans-Frankenthal-Preis geehrt wurden.

Die Auswahl der Texte erfolgt stets im engen Austausch zwischen uns Künstlern und besonders mit Kathrin Liebhäuser, die den dramaturgischen Leitfaden entwickelt.


Roman Knižka mit dem Bläserquintett OPUS 45.  „Das Bläserquintett und ich haben so viele Möglichkeiten zur szenischen Interaktion, dass ein Geflecht aus Perspektiven und Emotionen entsteht.“
Roman Knižka mit dem Bläserquintett OPUS 45. „Das Bläserquintett und ich haben so viele Möglichkeiten zur szenischen Interaktion, dass ein Geflecht aus Perspektiven und Emotionen entsteht.“

Moses Mendelssohn, von ihm stammt ein Text im Programm, und Felix Mendelssohn Bartholdy – vertreten am Abend mit Musik – waren Großvater und Enkel. Wie greifen Texte und Musik darüber hinaus ineinander?

Text und Musik verschränken sich während des gesamten Abends. Mal schreibt eine Ebene die andere fort, mal widerspricht sie ihr oder konterkariert sie. Dadurch entsteht ein Wechselbad der Gefühle, das den Spannungsbogen trägt – ein Markenzeichen der Arbeit unserer Dramaturgin. Das Bläserquintett und ich haben so viele Möglichkeiten zur szenischen Interaktion, dass ein Geflecht aus Perspektiven und Emotionen entsteht.

Der Kontrast spielt dabei eine große Rolle: Die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“ wird kommentiert von einem temperamentvollen jiddischen Traditional; auf Wagners unerträgliche Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“ folgen schwungvolle Tänze von Denes Agay – fast wie ein musikalisches Hohngelächter;auf Eduard Silbermanns Erinnerungen, geprägt von zunehmendem Antisemitismus, folgt Zemlinskys leichtfüßige „Humoreske“ aus dem Exiljahr 1941 – ein Werk, dem man seine schwierigen Entstehungsumstände kaum anhört. Ich könnte noch viele Beispiele nennen, möchte dem Abend aber nicht vorgreifen.


Eine erste Version des Programms kam 2021 anlässlich „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zur Aufführung. Seitdem hat sich das Lebensgefühl von Jüdinnen und Juden abermals verändert. Der Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Gaza-Krieg haben den Antisemitismus hierzulande weiter verstärkt. Nimmt das Programm darauf Bezug?

Nach den schrecklichen Geschehnissen des 7. Oktober 2023 war für uns alle klar, dass der Abschluss unserer Zeitreise durch jüdisches Leben in Deutschland nicht unverändert bleiben kann. Unsere Dramaturgin entschied sich sehr schnell für eine Passage aus dem Buch „Gleichzeit“ von Ofer Waldman und Sasha Marianna Salzmann. Die Briefe, die sich die beiden nach den Terroranschlägen und während des Gaza-Kriegs schrieben, erzählen von Krieg, unfassbarem Leid, Wut, Einsamkeit und erstarkendem Hass – und versuchen dennoch, ein Gefühl von „Wir“ über diese Katastrophe hinwegzuretten. Diese Stimmen haben uns tief berührt.


Herr Knižka, Sie stammen aus Bautzen. Mit dem Programm „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ haben Sie bereits dort gastiert. Wie wurde es aufgenommen und was bedeutet es für Sie, diesmal nach Leipzig zurückzukehren?

In heimatliche Gefilde zurückzukehren und mich als Schauspieler beziehungsweise Sprecher zu präsentieren, ist für mich immer etwas Besonderes. Einerseits möchte ich gemeinsam mit fantastischen Musikern den geistigen Schatz dieser gepeinigten Schöngeister zu Gehör bringen. Andererseits ist es mir wichtig, gleichzeitig zu mahnen: Wir müssen faschistoidem Gedankengut entschieden entgegentreten – überall, aber gerade auch in meiner Heimatregion.


Informationen zum literarischen Kammerzonzert „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ im Ariowitsch-Haus:


Der Vers „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“, den Heinrich Heine schrieb und Mascha Kaléko 1943 in ihrem Gedicht Im Exil aufgriff, steht stellvertretend für einen Abend, der die reiche und bewegende Geschichte jüdisch-deutscher Kultur in Literatur und Musik erfahrbar macht. Am Sonntag, 1. Februar, 17 Uhr, ist dieses außergewöhnliche literarische Kammerkonzert im Leipziger Ariowitsch-Haus zu erleben.


Im Zentrum des Abends stehen Texte jüdischer Autorinnen und Autoren deutscher Sprache, gelesen vom renommierten Film- und Theaterschauspieler Roman Knižka. Mit seiner markanten Stimme und großer erzählerischer Präsenz verleiht er den Worten von Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Else Dormitzer, Victor Klemperer, Anita Lasker-Wallfisch und anderen besondere Eindringlichkeit. Ergänzt werden die literarischen Werke durch autobiografische Zeugnisse jüdischen Alltags in Sachsen im 19. Jahrhundert, die Einblicke in Lebenswirklichkeiten zwischen Emanzipation, kultureller Blüte und Ausgrenzung geben.


Die ausgewählten Texte erzählen von Hoffnung und Assimilation ebenso wie von Identitätsverlust, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung jüdischen Lebens unter dem NS-Regime. Zugleich machen sie die faszinierende Vielfalt jüdischer Kultur auf deutschem Boden sichtbar – eine Vielfalt, die diesen Abend trägt und prägt.


Der musikalische Teil wird vom Bläserquintett Ensemble OPUS 45 gestaltet. Zu hören werden sein Stücke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Alexander Zemlinsky, Denes Agay, Jacques Ibert und Pavel Haas, deren Biografien ebenfalls eng mit der deutsch-jüdischen Geschichte verbunden sind. Die Musik tritt dabei in einen intensiven Dialog mit den Texten und erweitert deren emotionale und historische Dimension.


Das Programm entstand ursprünglich anlässlich des Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (2021) und wurde unter anderem in Hamburg, Lübeck, Bautzen und Erfurt aufgeführt. Für die Leipziger Aufführung wurde es weiterentwickelt, am Ende schlägt der Abend einen Bogen in die Gegenwart, wenn die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann jüdisches Leben in Deutschland nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 reflektiert.


Roman Knižka, geboren 1970 in Bautzen, zählt zu den profiliertesten deutschen Schauspielern seiner Generation. Nach seinem Schauspielstudium in Bochum spielte er an renommierten Bühnen und machte sich mit zahlreichen Kino- und Fernsehproduktionen einen Namen, darunter die Netflix-Erfolgsserie „Dark“ sowie die ARD-Miniserie „Für immer Sommer 90“. Neben seiner Arbeit vor der Kamera ist er als Hörbuchsprecher und Bühnenkünstler bundesweit gefragt.


Das Ensemble OPUS 45, dessen Mitglieder in führenden deutschen Orchestern spielen, hat gemeinsam mit Roman Knižka eine eigene Form des literarischen Kammerkonzerts entwickelt, die in dieser Art in der deutschsprachigen Konzertlandschaft einzigartig ist.

Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.Die Veranstaltung wird freundlich unterstützt von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen im Rahmen von TACHELES – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026.

 
 
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